Interview mit Jürgen Seidel zu „Der Krieg und das Mädchen“

Auf der Leipziger Buchmesse 2014 habe ich auch Jürgen Seidel getroffen. Ich habe mit ihm über sein neues Buch Der Krieg und das Mädchen gesprochen und auch über seinen Schreibstil. Das Originalinterview war sehr umfangreich, daher habe ich es an einigen Stellen gekürzt.

Jürgen Seidel

Dieses Mal haben Sie ja ein Buch über den ersten Weltkrieg geschrieben, haben jedoch auch schon einige über den zweiten Weltkrieg verfasst. Woher rührt ihr Interesse für diese beiden Weltkriege?

Mein Opa hatte zwar ein künstliches Auge, aber das hat mich jetzt nicht unbedingt in der Hinsicht beeindruckt, dass ich deswegen an den ersten Weltkrieg gedacht hätte, aber es hat mir immer Angst gemacht. Ich schreibe diese Bücher ja nicht als Historiker, mir liegt mehr die Perspektive der Protagonisten am Herzen. Jugendliche, die noch nicht erwachsen, aber erwachsen genug sind, um in diese Kriegswelt jede Menge Gefühle hineinzutragen. Das war auch bei diesem Buch so. Es geht darum zu zeigen, wie Jugendliche den Vorkrieg erlebt haben. Ich wollte auch gerade über den Vorkrieg schreiben, weil es für die Zeit während des Krieges bereits viele Bücher von Autoren gibt, die das viel besser können als ich.

Wollten sie irgendwann schon einmal über etwas komplett anderes schreiben?

Bisher habe ich mich, um ehrlich zu sein, immer um die Kriege herumgedrückt. Ich habe ja auch schon über das 18. Jahrhundert geschrieben, aber irgendwann mit Mitte 40 ist mir das 20. Jahrhundert auf den Pelz gerückt. Vielleicht war es eine Rechtfertigung vor mir selbst, dass ich als Autor etwas zu dem beitragen möchte, was andere Autoren für Jugendliche auch schon sehr gut gemacht haben. Es sind ja anstrengende Bücher – es geht eben um ein wirklich schweres Thema.

Ihre Bücher sind immer sehr detailreich. Wie viel müssen Sie zu einem Buch recherchieren?

Ich lese eine ganze Menge andere Bücher, fahre viel Fahrrad und lasse das dann in meinem Kopf so entstehen. Technisch gesehen ist es so, dass ich eine Szene mache und sie dann auch einfach mal liegen lasse. Am nächsten Tag fällt mir dann etwas ein, was ich gerne verwenden würde und das baue ich dann ein. Wenn man das rein materiell betrachtet, ist das etwa eine halbe Seite am Tag. Ich schreibe das mit der Hand ab, schreib es noch mal neu, dann gefällt es mir immer noch nicht und ich mache es wieder neu. Zwischendurch schreibe ich auch mal was anderes; auf diese Weise kommen sehr viele Details zusammen.

Warum war Ihnen dann in diesem Buch speziell Fritz‘ Homosexualität so wichtig?

Na ja, das ist mir eingefallen, weil es ein weiterer Konflikt ist. Es gab ja damals die Vorstellung, dass das Erlebnis an der Front eine Art Droge ist, die das richtige Leben erst enthüllt. Das heißt, ich habe vorher gar nicht richtig gelebt und nichts bedeutet, doch der Krieg kann aus mir dann wirklich was machen. Als ich jung war, gab es zum Beispiel die Hippies, die Drogen genommen und gedacht haben, jetzt kommt’s irgendwann, weil es ihnen zu Hause zu langweilig war. Die haben eben nicht den Krieg als Alternative gesehen, sondern den Frieden mit den Drogen. Wichtig ist, dass beide eine vollkommen irrationale Hoffnung hatten.

Bei Fritz‘ war das so, dass ich mir dachte, der ist verrückt und sieht seine Homosexualität als Krankheit an. Das war ja damals weit verbreitet. Er hat sich eben gedacht, dass diese Gefühle verschwinden, wenn er in den Krieg geht.

Sie gehen ja in diesem Buch sehr stark auf die psychischen Probleme der Menschen im Krieg ein. Wie ist es dann nach dem Krieg – wie kann so ein quasi zerstörter Mensch, nachdem er zurückgekehrt ist, noch ein normales Leben weiterführen?

Die ganze Freikorps-Bewegung bestand aus solchen Individuen. Das sind Menschen gewesen, die diese Kriegserfahrungen gemacht haben und danach nicht mehr fähig waren, ein ganz normales Leben zu führen. Das kommt in oder nach allen Kriegen vor. Der gesellschaftliche Diskurs hat das allerdings erst im Vietnamkrieg aufgegriffen. Bis dahin gab es keinerlei Versuche, diese Traumata medizinisch zu behandeln. Was auch heute noch verstärkt getan werden müsste, wäre eine bessere Aufklärung, welche versteckten Gefahren im Krieg lauern – das ist damals eben nicht passiert. Ein bisschen klüger sind wir also schon geworden, jedenfalls hier in Europa. Bücher gegen den Krieg bleiben auf jeden Fall aktuell.

Dann bedanke ich mich ganz herzlich für das Interview.

 

Vitus Hösl

Ich bin Webentwickler und Gründer dieses Blogs und kümmere mich hier um alles technische. Außerdem bin ich natürlich leidenschaftlicher Leser, am liebsten Thriller und Science Fiction (Lieblingsbuch: "Little Brother" von Cory Doctorow)

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